Künstliche Intelligenz als strategisches Steuerungsinstrument in der Universitätsmedizin
Für Krankenhäuser ist der gezielte Einsatz Künstlicher Intelligenz längst keine Zukunftsvision mehr, sondern eine operative Notwendigkeit. Das Universitätsklinikum Freiburg (UKF) zeigt mit einem aktuellen Kooperationsprojekt, wie KI strukturiert, regulatorisch abgesichert und direkt in klinische Versorgungsabläufe integriert werden kann.
Das erklärte Ziel: Behandlungsqualität messbar steigern, Mitarbeitende von administrativen Aufgaben entlasten und unkontrollierte Nutzung nicht-zertifizierter KI-Tools (sogenannte Schatten-KI) konsequent vermeiden.
Wenn Zeitdruck und Administration die klinische Arbeit verdrängen
Ein zentrales Problem in der stationären Versorgung sind zeitintensive Prozesse, die Fachkräfte von ihrer eigentlichen klinischen Arbeit abhalten. Dokumentation, Anordnungsmanagement und Entscheidungsunterstützung am Point of Care binden knappe Ressourcen mit direkten Konsequenzen für Patientensicherheit und Mitarbeiterzufriedenheit.
Prof. Dr. Frederik Wenz, Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Freiburg, benennt den Zusammenhang klar:
Wir glauben daran, dass wir die Mitarbeitenden-Orientierung verbessern können, wenn wir ‚Zeitfresser‘ aus dem System nehmen und sich unsere Ärzte und unsere Pflegenden wieder mehr um die Patientinnen und Patienten kümmern können.
Prof. Dr. Frederik Wenz
Dabei soll KI nicht als technischer Selbstzweck eingesetzt werden, sondern als integraler Bestandteil einer Gesamtstrategie für qualitätszentrierte Medizin, Mitarbeitendenorientierung und nachhaltige Krankenhausführung.
Das Projekt: Drei Partner, ein Ziel
Das Universitätsklinikum Freiburg startet das Vorhaben gemeinsam mit zwei spezialisierten Technologiepartnern:
- MEQO GmbH – Anbieter einer workflow-nahen Orchestrierungsplattform mit agentenbasierter Versorgungsintelligenz
- Prof. Valmed GmbH – Hersteller eines als Medizinprodukt der Klasse IIb zugelassenen Clinical-Decision-Support-Systems (CDSS)
Die Verbindung beider Systeme ist der Kern des Projekts. Validiertes medizinisches Weltwissen wird direkt in konkrete klinische Arbeitsabläufe eingebettet – von der Visite über die Dokumentation bis hin zur Anordnung und Entscheidungsunterstützung am Point of Care.
Regulatorische Absicherung: Medizinprodukt Klasse IIb als Grundlage
Ein entscheidender Aspekt aus Sicht des Gesundheitsmanagements ist die regulatorische Einordnung des eingesetzten Systems. Prof. Valmed ist nach eigenen Angaben das erste Clinical-Decision-Support-System, das als Medizinprodukt der Klasse IIb zugelassen ist – damit auch in risikorelevanten Bereichen wie der Notaufnahme einsetzbar.
Dr. Vera Roedel, CEO der Prof. Valmed GmbH, erläutert die Bedeutung dieser Zulassung:
Prof. Valmed ist das erste Medizinprodukt der Klasse IIb, das als Clinical-Decision-Supportsystem zugelassen ist, also zur Therapie- und Diagnoseerleichterung bestimmt und auch in der Notaufnahme anzuwenden.
Dr. Vera Roedel
Gleichzeitig betont sie: Zulassung allein genügt nicht. Entscheidend ist die nahtlose Einbettung in den Versorgungsalltag: „Integration ist wirklich das, was am Ende den Erfolg bringt, weil künstliche Intelligenz so ganz selbstverständlich in den Versorgungsalltag kommt.“
Schatten-KI als Risikofaktor im Krankenhaus und wie Freiburg gegensteuert
Im Gesundheitsmanagement wächst die Sorge vor dem unkontrollierten Einsatz nicht-regulierter KI-Tools durch Mitarbeitende – häufig als „Schatten-KI“ bezeichnet. Diese Anwendungen operieren außerhalb geregelter Versorgungsprozesse, entziehen sich der IT-Governance und können haftungsrechtliche sowie datenschutzrechtliche Risiken erzeugen.
Das Universitätsklinikum Freiburg begegnet diesem Phänomen mit einem klaren strategischen Ansatz: zertifizierte, in die bestehende Infrastruktur integrierte KI statt Insellösungen. Prof. Wenz formuliert den Anspruch pointiert: „Da, wo ich die Behandlung durchführe, da muss die KI praktisch voll integriert zur Verfügung stehen.“
Workflow-Integration als Schlüsselfaktor für den KI-Erfolg
Die MEQO-Plattform übernimmt im Projekt die Aufgabe, KI-Unterstützung in die individuellen Arbeitsabläufe der Mitarbeitenden zu bringen. Agentenbasierte Mechanismen sollen Hinweise, Empfehlungen und nächste Handlungsschritte genau dort verfügbar machen, wo sie benötigt werden, ohne Systemwechsel, ohne Medienbruch.
David Leuschner, Geschäftsführer der MEQO GmbH, beschreibt den Nutzen aus Anwenderperspektive:
Wenn ich ein Medikament verordnen will oder wenn ich in der Visite bin, bekomme ich sofort meine Entscheidungsunterstützung – an der Stelle, wo ich sie gerade brauche.
David Leuschner
Patientensicherheit als Maßstab für KI-Qualität
Das Universitätsklinikum Freiburg definiert den Erfolg des Projekts explizit anhand messbarer klinischer Outcomes. KI soll dazu beitragen, Behandlungsqualität zu verbessern, Unsicherheiten in klinischen Entscheidungssituationen zu reduzieren und unbeabsichtigte Fehler zu vermeiden.
Prof. Wenz formuliert den Anspruch unmissverständlich: „Die Einführung und die Ausweitung des Einsatzes der KI muss ganz klar messbare Vorteile, vor allem natürlich für die Patientinnen und Patienten und unseren Mitarbeitenden bringen.“
Fazit: Was das Freiburger Modell bedeutet
Das Projekt des Universitätsklinikums Freiburg liefert ein praxistaugliches Referenzmodell für den strategischen KI-Einsatz in der Universitätsmedizin. Mit dem Start dieses Projekts setzt Freiburg ein Signal für die nächste Phase der Krankenhausdigitalisierung: Vertrauenswürdige KI ist kein Add-on – sie ist ein Kernbestandteil moderner Versorgungsqualität.
Quelle: Universitätsklinikum Freiburg
