Berlin. Künstliche Intelligenz (KI) soll in der Herzmedizin künftig sicherer und besser nutzbar werden. Das Institut für kardiovaskuläre Computer-assistierte Medizin (ICM) am Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) in Berlin übernimmt dafür im europäischen Flagship-Projekt CHAIN eine federführende Rolle. Mit 20 Millionen Euro aus dem EU4Health-Programm entsteht in den kommenden drei Jahren eine europäische Infrastruktur für den verlässlichen KI-Einsatz in der kardiovaskulären Versorgung.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen als europäische Herausforderung
In der Europäischen Union sind rund 62 Millionen Menschen von kardiovaskulären Erkrankungen betroffen. Jährlich sterben etwa 1,7 Millionen Menschen daran. Der im Dezember 2025 verabschiedete EU Safe Hearts Plan hat das Ziel, die vorzeitige Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis 2035 um 25 Prozent zu senken. Als zentrale Hebel nennt der Plan digitale Innovation und die Integration von KI.
Uneinheitlicher Einsatz und fehlende Standards
KI-Anwendungen kommen in der medizinischen Versorgung bislang uneinheitlich zum Einsatz. Vielfach fehlen zudem gemeinsame Standards, mit denen sich Leistungsfähigkeit und Sicherheit verlässlich bewerten lassen. Hier setzt das europäische Flagship-Projekt CHAIN (European Cardiovascular Health Data and AI Network) an. Ziel ist, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und weitere chronische Erkrankungen früher zu erkennen und besser zu behandeln.
Validierte Modelle für Rechtsherzinsuffizienz und HFpEF
Eine zentrale Rolle im Konsortium hat die Arbeitsgruppe Systemmedizin am ICM unter der Leitung von Dr. Marcus Kelm. Sie bringt weit entwickelte, validierte KI-Modelle in zwei Anwendungsbereiche ein: die Rechtsherzinsuffizienz bei angeborenen und erworbenen Herzerkrankungen sowie die Früherkennung einer Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF). Im Rahmen von CHAIN sollen diese Modelle weiter in den europäischen Verbund integriert und im Hinblick auf ihren Einsatz in der klinischen Versorgung untersucht werden.
Die Frage ist nicht mehr, ob KI in der Kardiologie funktioniert – entscheidend ist, wie wir sie sicher, nachvollziehbar und im klinischen Alltag nutzbar machen. CHAIN schafft dafür einen gemeinsamen europäischen Rahmen. Dazu gehört, KI-Modelle nicht nur zu entwickeln, sondern ihre Leistungsfähigkeit systematisch zu prüfen und ihre Einsatzmöglichkeiten klar zu beschreiben.
Dr. Marcus Kelm
Bildgebung als klinischer Ansatzpunkt
Das ICM unter Leitung von Prof. Titus Kühne ist im Projekt klinischer Partner für bildgebungsbasierte KI-Modelle. Routinemäßige Untersuchungen wie der Herzultraschall oder CT-Aufnahmen des Brustkorbs können Hinweise auf bislang unerkannte Erkrankungen liefern. KI-gestützte Verfahren sollen helfen, solche Hinweise in den vorhandenen Bilddaten besser zu erkennen und für eine frühzeitigere Diagnostik zu nutzen.
Die Routinebildgebung liefert heute schon mehr Informationen, als wir klinisch vollständig nutzen. Als klinischer Partner für die bildgebungsbasierten Modelle in CHAIN wollen wir dazu beitragen, diese Informationen besser zu erschließen und mögliche frühe Erkrankungsmarker zu erkennen. Langfristig könnte daraus eine frühere und stärker personalisierte Diagnostik entstehen
Prof. Titus Kühne
„KI-Pässe“ für mehr Transparenz
Begleitende „KI-Pässe“ sollen dokumentieren, wie gut ein Modell funktioniert, wie sicher es ist und für welche klinischen Situationen es sich eignet. Ärztinnen und Ärzte, Kliniken und Gesundheitsbehörden sollen so fundiert entscheiden können, welche Anwendungen einen tatsächlichen Nutzen bieten.
Mit CHAIN entsteht ein gemeinsamer europäischer Rahmen, in dem KI-Modelle für die Herzmedizin nicht nur entwickelt, sondern auch systematisch geprüft und in ihren Einsatzmöglichkeiten beschrieben werden. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt.
Quelle: Deutsches Herzzentrum der Charité





