Digitalisierung im Krankenhaus schafft ihren Nutzen nicht allein durch neue Technik, sondern durch deren regelmäßige Einbindung in die Versorgung. Die aktualisierte McKinsey-Studie beziffert das noch zu erschließende jährliche Wertpotenzial für das gesamte deutsche Gesundheitswesen auf rund 80 Mrd. Euro – fast doppelt so viel wie 2022. Für Kliniken stehen unter anderem KI-gestützte Dokumentation, Patientenstrom-Management und digitale Abrechnungsprozesse im Fokus. Allerdings lassen sich daraus keine konkreten Einsparbeträge für einzelne Häuser ableiten.
Zudem ist KI der größte zusätzliche Werttreiber gegenüber 2022 und trägt technologieübergreifend 22,8 Mrd. Euro zum verbleibenden jährlichen Potenzial bei. Das monetäre Potenzial der Telekonsultation fällt dagegen geringer aus als zuvor angenommen. Deshalb ist für die Umsetzung der Studie entscheidend, dass vorhandene Anwendungen im Versorgungsalltag tatsächlich genutzt werden.
McKinsey-Studie: Die wichtigsten Zahlen zur Digitalisierung
- 80 Mrd. Euro pro Jahr noch zu erschließendes Potenzial, verteilt auf 28 Technologien. Das entspricht rund 17 % der adressierbaren Ausgaben von 479 Mrd. Euro.
- 22,8 Mrd. Euro davon sind technologieübergreifendes KI-Zusatzpotenzial. Dieser Hebel war 2022 noch nicht quantifizierbar und ist 2026 der größte zusätzliche Werttreiber gegenüber 2022.
- 11,5 Mrd. Euro pro Jahr bereits realisiertes Nutzenpotenzial beziffert McKinsey für 2026; 2022 waren es 1,4 Mrd. Euro.
- Rund zwei Drittel des Nutzens entfallen laut Studie auf Leistungserbringer und rund ein Drittel auf Kostenträger.
Der Anstieg gegenüber 2022 beruht nicht allein auf KI und technologischen Fortschritten: Auch die gestiegenen Gesundheitsausgaben vergrößern das monetäre Potenzial.
Wichtig zur Einordnung: Die Studie betrachtet das gesamte Gesundheitswesen, nicht Krankenhäuser allein und die Beträge sind modellierte Nutzenpotenziale, keine Einsparversprechen für einzelne Kliniken. Außerdem quantifiziert das Modell ausschließlich monetären Nutzen. Qualitative Effekte wie kürzere Wartezeiten sind dagegen nicht eingerechnet.
ePA und E-Rezept: Warum Nutzung mehr bringt als Zugang
Der regulatorische Rahmen steht: Laut Studie ist die Opt-out-ePA seit Januar 2026 für 73 Mio. GKV-Versicherte aktiv; das E-Rezept ist seit 2024 für verschreibungspflichtige Medikamente verpflichtend. Zugleich verweist McKinsey auf gematik-Zahlen mit Stand Juli 2025: Damals hatten erst 4 % der Bevölkerung die Gesundheits-ID als aktive Nutzer:innen registriert.
Am Beispiel der ePA zeigt die Studie, wie groß der Unterschied zwischen Verfügbarkeit und tatsächlicher Anwendung ist: Vom verbleibenden Potenzial von 9,3 Mrd. Euro ließen sich 6,2 Mrd. Euro durch konsequente Befüllung und Nutzung erschließen. Dagegen brächte ein reiner Zugangsausbau 0,4 Mrd. Euro.
Über alle Technologien beziffert das Modell das zusätzliche Potenzial durch intensivere Nutzung bestehender Zugänge auf 38,2 Mrd. Euro, gegenüber 3,7 Mrd. Euro durch deren reine Ausweitung. Damit erschließt Nutzung rund zehnmal mehr zusätzliches Wertpotenzial als Zugangsausbau allein.
Für die Digitalisierung im Krankenhaus ist die Datenbasis besonders wichtig: ePA und E-Rezept liefern strukturierte Daten, auf denen andere Anwendungen aufsetzen. Rund 51 Mrd. Euro des Potenzials liegen laut Studie bei abhängigen Technologien, etwa klinischer Entscheidungsunterstützung oder mobiler Pflegevernetzung. Allerdings ist dieser Betrag Teil des betrachteten Wertpotenzials, kein zusätzlicher Wertepool außerhalb der 80 Mrd. Euro.
Digitale Anwendungen mit hohem Potenzial für Krankenhäuser
Die Studie beschreibt mehrere Technologien mit unmittelbarem Klinikbezug. Des Weiteren zeigt die folgende Auswahl ihr noch zu erschließendes jährliches Potenzial im gesamten Gesundheitswesen, nicht die Einsparmöglichkeiten einzelner Krankenhäuser.
| Technologie | Jährliches Potenzial im gesamten Gesundheitswesen |
| Einheitliche ePA | 9,3 Mrd. Euro |
| Klinische Entscheidungsunterstützung | 4,2 Mrd. Euro |
| Virtuelle Assistenten zur Dokumentation | 3,9 Mrd. Euro |
| Patientenstrom-Management | 3,9 Mrd. Euro |
| Mobile Vernetzung des Pflegepersonals | 3,6 Mrd. Euro |
| Robotik in der Krankenhauslogistik | 2,3 Mrd. Euro |
| Prädiktive Bedarfs- und Kapazitätsplanung | 2,0 Mrd. Euro |
| Umsatzzyklus- und Abrechnungsoptimierung | 1,8 Mrd. Euro |
Im Vergleich der Lösungskategorien ist Arbeitsabläufe/Automatisierung mit 18,5 Milliarden Euro der größte Wertepool, vor papierlosen Daten mit 15,9 Milliarden Euro und Online-Interaktionen mit 15,7 Milliarden Euro.
KI im Krankenhaus: Dokumentation, Abrechnung und Patientenströme
McKinsey sieht KI in 53 von 103 untersuchten Anwendungsfällen als verstärkenden Nutzenhebel. Speziell für Krankenhäuser veranschaulicht die Studie diesen Nutzen unter anderem an drei Feldern:
- Dokumentation: KI-gestütztes Ambient Scribing transkribiert die Patienteninteraktion und dokumentiert sie automatisch in der Akte. Das senkt laut Studie die Dokumentationszeit von Ärzt:innen und Pflegekräften erheblich.
- Abrechnung: KI validiert Abrechnungsprozesse und erkennt Fehler, bevor sie zu Ablehnungen führen. Das reduziert den personalintensiven Abstimmungsaufwand zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern.
- Patientenstrom-Management: An die Stelle einer reaktiven Bettenzuweisung tritt eine prädiktive, echtzeitbasierte Steuerung von Aufnahmen, Verlegungen und Entlassungen.
Bei KI-Erweiterungen berechnet die Studie ausschließlich den zusätzlichen Nutzen gegenüber einer bereits vollständig implementierten Basistechnologie. Daneben berücksichtigt sie vier KI-native Technologien. Eine tragfähige digitale Datenbasis bleibt eine zentrale Voraussetzung für viele Anwendungen.
Digitalisierung im Klinikalltag: Was McKinsey empfiehlt
Technische Verfügbarkeit allein reicht nicht aus. Die Studie nennt mehrere Ansatzpunkte, um digitale Anwendungen im Versorgungsalltag zu verankern:
- Mit spürbarer Entlastung beginnen. Die Nutzung folgt dem Nutzen. McKinsey nennt KI-gestützte Dokumentation und automatisierte Abrechnungsvalidierung als Beispiele für Anwendungen, die administrative Prozesse für Fachkräfte unmittelbar vereinfachen.
- Nutzerfreundlichkeit priorisieren. 35 % der Praxen nennen mangelnde Nutzerfreundlichkeit als Hürde bei der ePA; 54 % beklagen beim E-Rezept höheren Aufwand als beim Papierrezept (KBV, 2024, zitiert in der Studie). Solange digitale Anwendungen komplizierter wirken als das analoge Pendant, bleibt die Nutzung gering.
- Durchgängige Workflows statt isolierter Dokumente schaffen. Nahezu alle Leistungserbringer arbeiten laut Studie dokumentenbasiert: Informationen werden als PDF erzeugt, abgelegt und manuell weitergeleitet. Stattdessen sind Ende-zu-Ende-Abläufe nötig, in denen strukturierte Daten durch Prozessschritte fließen und Folgeaktionen auslösen.
- Die Schnittstelle zu Praxen verbessern. Nur 7 % der Praxen kommunizieren laut Studie digital mit Krankenhäusern. Maschinenlesbare Standards wie FHIR und Medizinische Informationsobjekte (MIOs) sowie Interoperabilitätsvorgaben müssen entschlossener vorangetrieben werden.
- Fachkräfte kontinuierlich befähigen. Ohne digitale Kompetenz bleibt selbst die beste Technologie ein ungenutztes Angebot. Schulung und die Bereitschaft, etablierte Arbeitsweisen anzupassen, gehören deshalb zur Umsetzung.
Krankenhaus-Transformationsfonds: Prozesse und Schulung mitdenken
Prozessintegration, Schulung und Workflow-Redesign erfordern laut Studie erhebliche Vorabinvestitionen. Gerade kleinere Kliniken können diese nicht aus dem laufenden Betrieb stemmen.
McKinsey sieht im Krankenhaus-Transformationsfonds (KHTF), der bis 2035 Modernisierungsbudgets von bis zu 50 Mrd. Euro bereitstellt, ein geeignetes Vehikel. Die Studie knüpft dies an eine Bedingung: Mittel sollen nicht allein in Hardware fließen, sondern zu einem erheblichen Teil in Befähigung und Prozessanpassung. Zusätzlichen Effizienzdruck erzeugt laut Studie das GKV-Sparpaket 2027.
Telekonsultation: Warum McKinsey das monetäre Potenzial senkt
Nicht jede Technologie gewinnt in der aktualisierten Modellierung an monetärem Potenzial. Bei der Telekonsultation sinkt es von 5,7 Mrd. Euro im Modell 2022 auf 3,9 Mrd. Euro.
Die damaligen Annahmen – bis zu 35 % kürzere Konsultationen und Substitutionsraten von über 80 % – halten laut Studie der neueren Evidenz nicht stand. Unabhängig vom Kanal beansprucht die klinische Kerninteraktion vergleichbar viel Zeit. Zudem erfordern rund 30 bis 50 % der virtuellen Kontakte weiterhin einen nachgelagerten Präsenzbesuch.
Der strategische Mehrwert der Telekonsultation liegt daher weniger in der Zeitersparnis als in der Versorgungsgerechtigkeit und in flexiblen Kapazitätserweiterungen. Somit bedeutet ein geringeres monetäres Potenzial nicht, dass die Technologie ihren Versorgungswert verliert.
Fazit: Digitalisierung muss im Krankenhausalltag ankommen
Für Krankenhäuser liegt die zentrale Botschaft der Studie in der Umsetzung: Digitale Anwendungen müssen Fachkräfte spürbar entlasten und zuverlässig in bestehende Abläufe integriert werden. Dafür braucht es nutzerfreundliche Systeme, strukturierte Daten, interoperable Schnittstellen und kontinuierliche Schulung. Auch KI entfaltet ihren zusätzlichen Nutzen im Zusammenspiel mit dieser digitalen Basis.
Die rund 80 Mrd. Euro sind ein modelliertes jährliches Potenzial für das gesamte Gesundheitswesen – kein Einsparversprechen für einzelne Kliniken. Entscheidend ist, vorhandene digitale Möglichkeiten verlässlich zu nutzen und die dafür notwendigen Prozessanpassungen zu finanzieren. Gelingt dies im Zusammenspiel der Akteure, kann Digitalisierung Fachkräfte entlasten und mehr Raum für die Versorgung der Patient:innen schaffen.
Quelle: McKinsey & Company: „Das ‚80 Mrd. EUR‘-Update – Aktuelles Wertpotenzial von Digitalisierung und KI im deutschen Gesundheitswesen“, Oktober 2026.




