Ziel der Reform: Finanzielle Stabilisierung statt struktureller Verbesserung
Die aktuelle GKV-Reform verfolgt das Ziel, die finanzielle Stabilität kurzfristig zu sichern. Steigende Ausgaben sollen begrenzt, Beitragssätze gedämpft und Krankenkassen entlastet werden. Dennoch rechnen rund 84 Prozent der GKV-Versicherten weiterhin mit einem Anstieg der Beiträge in den kommenden Jahren. Hinzu kommt, dass Versicherte im Hinblick auf die geplanten Veränderungen eher eine Verschlechterung als eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung erwarten.
Finanzierung und Versorgung: Zwei Ziele ohne klare Abgrenzung
Es zeigt sich, dass die Reform primär auf die Finanzierung des Systems abzielt, während strukturelle Herausforderungen der Versorgung, wie die Verfügbarkeit von Terminen und Arzneimitteln, weitgehend unbeachtet bleiben. Die Reform stabilisiert kurzfristig die Finanzen, lässt aber die strukturellen Ursachen der Kostenentwicklung weitgehend unberührt. Ein zentraler Aspekt der Reform ist, dass finanzielle Stabilisierung und Versorgungsverbesserung nicht klar voneinander abgegrenzt werden. Akute Defizite sollen durch Zuschüsse und Eingriffe in bestehende Kostenstrukturen ausgeglichen werden, ohne die zugrunde liegenden Prozesse und Abläufe systematisch zu hinterfragen. Für eine nachhaltige Wirkung ist jedoch nicht allein das Volumen der eingesetzten Mittel entscheidend, sondern deren effiziente Nutzung innerhalb einer klar organisierten Versorgungsstruktur. Ohne eine gezielte Weiterentwicklung dieser und zugehöriger Prozesse bleiben nachhaltige Effizienzgewinne aus.
Strukturelle Kostentreiber: Doppeluntersuchungen und vermeidbare Krankenhausaufenthalte
Die steigenden Ausgaben der GKV sind zudem nicht nur Ausdruck eines kurzfristigen Kostenproblems, sondern auch das Ergebnis struktureller Kostentreiber. Doppeluntersuchungen, vermeidbare Krankenhausaufenthalte und parallele Versorgungsangebote führen langfristig zu einem stetigen Ausgabenanstieg. Diese und weitere Versorgungsprobleme wirken damit selbst als Kostentreiber, werden in der Reform jedoch nur begrenzt betrachtet. Eine gezielte Identifikation dieser Treiber kann aufzeigen, wo strukturelle Veränderungen langfristig Einsparpotenziale eröffnen.
Primärversorgung als Schlüssel zur Steuerung von Patientenströmen
Vor diesem Hintergrund kommt der Primärversorgung eine besondere Bedeutung zu. Sie kann eine zentrale Rolle bei der Koordination von Versorgung, der Steuerung von Patientenströmen und der Vermeidung unnötiger Inanspruchnahmen übernehmen. Trotz politischer Diskussionen bleibt ihre strukturelle Ausgestaltung bislang begrenzt. Ohne klare Steuerungsverantwortung und geeignete Anreizsysteme kann dieses Potenzial nicht ausgeschöpft werden.
Fragmentierung im Gesundheitswesen: Ambulant und stationär besser verzahnen
Ein weiterer relevanter Faktor ist die anhaltende Fragmentierung des deutschen Gesundheitswesens. Die Trennung zwischen ambulantem und stationärem Bereich führt zu eingeschränkter Koordination, unklaren Zuständigkeiten und lückenhaften Informationsflüssen. Dies begünstigt Doppeluntersuchungen und vermeidbare stationäre Aufenthalte und belastet sowohl die Versorgungsqualität als auch die Wirtschaftlichkeit. Kooperative, sektorübergreifende Strukturen können Doppelstrukturen abbauen und Prozesse beschleunigen, setzen jedoch klare Verantwortlichkeiten, abgestimmte Steuerungsmechanismen und geeignete Anreize für die Zusammenarbeit voraus. Die Reform setzt hier keine klaren Impulse zur Überwindung bestehender Sektorengrenzen.
Digitalisierung im Gesundheitswesen: Potenzial noch nicht ausgeschöpft
Auch die fortschreitende Digitalisierung konnte sowohl die strukturellen als auch die finanziellen Defizite bislang nicht kompensieren. Zwar existiert mit der teils schon vorhandenen Telematikinfrastruktur eine technische Grundlage, doch ohne eine übergeordnete Versorgungslogik bleibt ihr Nutzen begrenzt. Telemedizin sollte zudem nicht nur als Ergänzung, sondern als regulärer Bestandteil der Versorgung verstanden werden. Notwendig sind dafür durchgängige, langfristig angelegte digitale Lösungen statt isolierter Einzelmaßnahmen.
Fazit: Kurzfristige Entlastung reicht nicht – struktureller Wandel ist notwendig
Insgesamt verschafft die GKV-Reform vor allem eine kurzfristige finanzielle Entlastung und Zeit. Ob diese Zeit genutzt wird, um Prozesse effizienter zu gestalten, Kostentreiber gezielt zu adressieren und Versorgungsstrukturen weiterzuentwickeln, wird über die nachhaltige Stabilität des Systems entscheiden. Zudem ist fraglich, ob und wie lang die Beiträge für die Versicherten auf einem gleichbleibenden Niveau gehalten werden können. Insbesondere Letzteres sowie eine gleichbleibende oder verbesserte Gesundheitsversorgung ist in der Bevölkerung von nennenswerter Bedeutung. Ohne einen langfristigen, strukturellen Perspektivwechsel besteht die Gefahr, dass finanzielle Reformen lediglich temporäre Effekte entfalten und den Versicherten keinen langfristigen Mehrwert bieten.
Autorin: Charlotte Zamzow, Senior Managerin, KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft



