Berlin. In deutschen Krankenhäusern hat sich die Zahl ambulanter Notfallbehandlungen binnen zehn Jahren im Schnitt um 8,7 Prozent erhöht. Das geht aus dem aktuellen BARMER-Krankenhausreport 2026 hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Die Kasse sieht darin einen Grund für überlastete Notaufnahmen und spricht sich für eine verbindlichere Ausgestaltung der kürzlich beschlossenen Notfallreform aus.
Steigende Fallzahlen in den Notaufnahmen
Über alle versorgenden Kliniken hinweg stieg die Zahl der behandelten ambulanten Notfälle zwischen 2015 und 2024 von 12,3 auf 12,7 Millionen. Die Belastung entwickelte sich dabei nicht überall gleich: In jeder zehnten Klinik hat sich die Zahl seit 2015 mehr als verdoppelt, in weiteren zehn Prozent der Häuser nahm sie um beinahe 50 Prozent zu. Während die Fallzahl in zwei von fünf Krankenhäusern um 39 Prozent stieg, sank sie in weiteren zwei von fünf Einrichtungen um 26 Prozent.
Die steigenden Fallzahlen ambulant behandelter Patientinnen und Patienten im Krankenhaus sind ein Grund für überlastete Notaufnahmen. Doch bei weitem nicht jeder vermeintliche Notfall ist tatsächlich einer. Es muss deshalb sichergestellt werden, dass die Betroffenen in die richtige Versorgungsebene gelotst werden. Dabei ist es zwingend erforderlich, dass diese ambulanten Versorgungsstrukturen, das heißt die vertragsärztlich tätigen Haus- und Fachärztinnen und -ärzte, die Patientinnen und Patienten übernehmen.
Prof. Dr. med. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER
Verbindliche Ersteinschätzung als Kernforderung
Mit Blick auf die kürzlich beschlossene Notfallreform plädiert Straub für eine vorgeschaltete telefonische Ersteinschätzung mit verbindlicher Steuerung in die Versorgung. Nach Einschätzung der BARMER würde dies das Problem überfüllter Notaufnahmen deutlich entschärfen. Die Reform greift an diesem Punkt aus Sicht der Kasse zu kurz.
Entlastung durch den ambulanten Bereich
Darüber hinaus hält Straub eine verstärkte aufsuchende Versorgung der Patientinnen und Patienten im häuslichen Umfeld für notwendig. Zudem sollten nichtärztliche Gesundheitsberufe in Pflegeheimen erweiterte Kompetenzen bei der Versorgung von Pflegebedürftigen erhalten. Auch dies, so Straub, entlaste die Notfallversorgung. In seiner Gesamtbewertung heißt es:
Die Überlastung der Notaufnahmen durch nicht dringliche Notfälle gefährdet die Patientenversorgung. Eine regelhaft zu nutzende telefonische Ersteinschätzung mit perspektivisch digitaler Unterstützung und verbindlicher Steuerung in die richtige Versorgungsebene, inklusive Terminvergabe, ist unerlässlich. Um die Notaufnahmen zu entlasten, ist es aber auch zwingend erforderlich, dass die ambulanten Versorgungsstrukturen, das heißt die vertragsärztlich tätigen Haus- und Fachärztinnen und -ärzte, diese Patientinnen und Patienten übernehmen.
Prof. Dr. med. Christoph Straub
Aufklärung über Versorgungswege als fehlender Baustein
Studienautor Prof. Dr. med. Daniel Grandt sieht neben einer klaren Steuerung einen weiteren Schritt als erforderlich an:
Bei der Versorgung von Patientinnen und Patienten bedarf es einer klaren Steuerung. Das allein reicht aber noch nicht aus. Ein notwendiger Bestandteil der Reform muss daher auch eine Aufklärungskampagne für die Patientinnen und Patienten sein, die darüber informiert, wie Versorgungswege für medizinische Notfälle organisiert sind.
Prof. Dr. med. Daniel Grandt
Eine solche Kampagne fehlt nach Grandts Einschätzung bislang in der Notfallreform.
Massive regionale Unterschiede
Die im Report ermittelten regionalen Unterschiede lassen sich nach Grandts Angaben nicht durch sachliche Gründe erklären. Bezogen auf die Einwohnerzahl behandelten Krankenhäuser in Baden-Württemberg im Jahr 2024 rund 50 Prozent mehr ambulante Notfälle als der Bundesdurchschnitt. In Thüringen lag die Quote knapp 22 Prozent darunter. Auch die Entwicklung seit 2015 verlief regional stark unterschiedlich: In Bremen und Berlin sank die Inanspruchnahme um 15 beziehungsweise 14,6 Prozent, in Nordrhein-Westfalen stieg sie um 18,7 Prozent und in Rheinland-Pfalz um 19,9 Prozent.
Datengrundlage und Entwicklung der Krankenhauszahl
Die Analysen basieren auf BARMER-Routinedaten von rund 8,5 Millionen Versicherten der Jahre 2015 bis 2024. Um Aussagen für die Gesamtbevölkerung Deutschlands zu ermöglichen, wurden die ausgewiesenen Werte auf die Bevölkerung im jeweiligen Jahr hochgerechnet. Ambulante Notfälle wurden anhand von Gebührenordnungsziffern in den Abrechnungsdaten der Ärztinnen und Ärzte identifiziert, unter anderem 01205, 01207, 01210 oder 01212. Berücksichtigt wurden Krankenhäuser mit mindestens 50 ambulanten Notfallbehandlungen pro Jahr. Ihre Zahl sank von 1.614 im Jahr 2015 auf 1.536 im Jahr 2024. Dieser Rückgang korreliert mit der sinkenden Gesamtzahl der Krankenhäuser in Deutschland.
Der Report zeigt, dass die Steuerung der Patientenströme und die Einbindung der ambulanten Versorgung zentrale Stellschrauben bleiben, wenn die Notaufnahmen entlastet werden sollen. Ob die Notfallreform diesem Ziel gerecht wird, hängt nach Einschätzung der BARMER maßgeblich davon ab, ob die Ersteinschätzung verbindlich geregelt wird.
Quelle: BARMER





