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Sprachgestützte Anamnese in der Notaufnahme: Heidekreis-Klinikum startet als erstes Krankenhaus in Deutschland

sprachgestützte Anamnese

Sprachgestützte Anamnese in der Notaufnahme: Heidekreis-Klinikum startet als erstes Krankenhaus in Deutschland

Digitalisierung

5 MIN

Das Heidekreis-Klinikum in Walsrode nutzt die Wartezeit in seiner Zentralen Notaufnahme künftig für die Erfassung der Anamnese. Als erstes Krankenhaus in Deutschland setzt es symptoX-Boxen im Regelbetrieb ein. Erkrankte können dort ihre Beschwerden bereits vor dem Arztgespräch per Sprache schildern, auf Wunsch in einer von 58 Sprachen.

Wartezeit sinnvoll nutzen

Wer mit Schmerzen oder Sorgen eine Notaufnahme aufsucht, erwartet eine zügige Behandlung. Steigt jedoch die Zahl der Hilfesuchenden gleichzeitig, stoßen die Notaufnahmen schnell an ihre Grenzen. Betroffene warten dann oft lange, und Ärzteschaft und Pflegekräfte stehen unter hohem Zeitdruck.

Hier setzt das Heidekreis-Klinikum in Walsrode an. Die Zeit, die Patientinnen und Patienten ohnehin in der Notaufnahme verbringen, soll stärker für die Vorbereitung der Behandlung genutzt werden. Dafür kommen symptoX-Boxen im Regelbetrieb der Zentralen Notaufnahme (ZNA) zum Einsatz.

„Digitale Innovationen müssen dort ansetzen, wo sie die Versorgung der Menschen konkret verbessern“, sagt Dr. med. Andreas Philippi, Niedersächsischer Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung. „Die sprachgestützte Anamnese in der Notaufnahme ermöglicht es, medizinisch relevante Informationen frühzeitig strukturiert zu erfassen und gleichzeitig Sprachbarrieren abzubauen. Das Heidekreis-Klinikum zeigt damit, wie Digitalisierung konkret in der Patientenversorgung ankommen kann.“

Anamnese vor dem Arztgespräch

Nach der medizinisch-pflegerischen Ersteinschätzung, der sogenannten Triage, können Patientinnen und Patienten mit weniger dringlichen Beschwerden in einem geschützten Bereich Fragen zu ihrem Gesundheitszustand beantworten. Sie antworten per Sprache, auf Wunsch in einer von 58 Sprachen. Aus den Angaben entsteht eine strukturierte Zusammenfassung für das Behandlungsteam.

Die symptoX-Boxen stehen gezielt nur grün oder blau triagierten Personen zur Verfügung. Menschen mit höherer Behandlungsdringlichkeit werden entsprechend ihrer medizinischen Priorität versorgt.

Wird eine Patientin oder ein Patient zur Ärztin oder zum Arzt aufgerufen, liegen die wichtigsten Informationen bereits vor. Das Gespräch lässt sich dadurch gezielter führen, und mehr Zeit bleibt für Untersuchung, Rückfragen und Behandlung. Auf diesem Weg sollen Abläufe verbessert und die Versorgung beschleunigt werden. Belastbare Daten zur tatsächlichen Zeitersparnis liegen nach dem Start des Regelbetriebs noch nicht vor.

Verständigung ohne Sprachbarrieren

Besonders profitieren Menschen, die wenig oder kein Deutsch sprechen. Sie können ihre Beschwerden selbst und in ihrer eigenen Sprache beschreiben. Angehörige müssen dabei nicht übersetzen, und auch sensible Themen lassen sich in einem geschützten Rahmen ansprechen.

„Wir nutzen mit symptoX einen Teil der Wartezeit für einen wichtigen Schritt in der Versorgung: die strukturierte Erfassung der Anamnese“, erklärt Simone Herkströter, Chefärztin der Zentralen Notaufnahme des Heidekreis-Klinikums. „Dabei ist uns besonders wichtig, dass die Patientinnen und Patienten ihre Beschwerden selbst schildern können, unabhängig von ihren Deutschkenntnissen.“

Künstliche Intelligenz im Hintergrund

Die sprachgestützte Anamnese wird durch künstliche Intelligenz unterstützt. Patientinnen und Patienten tippen nichts ein und bedienen keine komplizierten digitalen Anwendungen. Sie sprechen ihre Antworten einfach ein. symptoX erfasst die Angaben und bereitet sie für das Behandlungsteam strukturiert auf.

Das System trifft keine medizinischen Entscheidungen. Die Einschätzung der Behandlungsdringlichkeit und alle weiteren medizinischen Entscheidungen bleiben bei den dafür qualifizierten Mitarbeitenden.

Vor dem Start wurde das Verfahren über mehrere Wochen mit Beschäftigten und freiwilligen Patientinnen und Patienten erprobt und an die Abläufe der Notaufnahme angepasst. Im Fokus standen die einfache Bedienung, die Verständlichkeit der Fragen und die Qualität der Informationen für die weitere Behandlung. Getestet wurden unter anderem die Sprachversionen Arabisch, Polnisch, Russisch und Englisch. Die Fragen und die daraus erstellten deutschen Zusammenfassungen erwiesen sich als korrekt.

Entlastung für die Notaufnahme

Für Ärzteschaft und Pflegekräfte zählt in der Notaufnahme jede Minute. Liegen Angaben zu Beschwerden, Vorerkrankungen und Medikamenten bereits vor, müssen diese nicht erst im Arztgespräch vollständig erhoben werden. So soll mehr Raum für die eigentliche medizinische Versorgung entstehen.

Die Auslastung ist hoch: Von Januar bis August 2026 verzeichneten die Zentralen Notaufnahmen in Walsrode und Soltau insgesamt 25.410 Patientenkontakte. Rund 72 Prozent der Patientinnen und Patienten wurden ambulant behandelt.

„Für uns steht nicht die Digitalisierung um ihrer selbst willen im Vordergrund, sondern die konkrete Verbesserung der medizinischen Versorgung“, betont Dr. med. Achim Rogge, Geschäftsführer des Heidekreis-Klinikums. „Wenn medizinisch relevante Informationen bereits während der Wartezeit strukturiert erfasst werden und dem Behandlungsteam frühzeitig zur Verfügung stehen, können wir wertvolle Zeit gewinnen, Behandlungsprozesse gezielter steuern und unsere Mitarbeitenden entlasten. Entscheidend ist dabei, dass die Technologie unsere ärztlichen und pflegerischen Teams sinnvoll unterstützt und den Patientinnen und Patienten einen spürbaren Mehrwert bietet. Mit dem Einsatz der symptoX Boxen gehen wir bewusst einen innovativen Weg, dessen Nutzen wir im klinischen Alltag sorgfältig evaluieren werden. Unser Ziel ist eine moderne, patientenorientierte und zugleich leistungsfähige Notfallversorgung.“

Neue Raumstruktur in der ZNA Walsrode

Auch räumlich hat das Klinikum die Abläufe verändert. Der Wartebereich für grün und blau triagierte Patientinnen und Patienten liegt nun in der Eingangshalle, direkt bei den symptoX-Boxen. Im bisherigen Wartebereich stehen dadurch zusätzliche Patientenbetten zur Verfügung. Wer im weiteren Verlauf liegend versorgt werden muss, kann dort bei Bedarf früher untergebracht werden.

Die Umgestaltung ist Teil der umfassenderen Weiterentwicklung der ZNA in Walsrode. Seit dem 1. September 2026 leitet Simone Herkströter die Abteilung als erste eigene Chefärztin. Ein zusätzlicher Behandlungsbereich mit drei bis vier Patientenbetten erlaubt es, Patientinnen und Patienten nach der Ersteinschätzung gezielt weiterzuleiten und die Versorgung frühzeitig zu beginnen.

„Moderne Notaufnahmen müssen Patientenströme sinnvoll steuern und gleichzeitig frühzeitig Versorgung ermöglichen“, sagt Chefärztin Simone Herkströter. „Mit der neuen Raumstruktur und der digitalen Unterstützung durch symptoX entwickeln wir unsere Zentrale Notaufnahme konsequent zu einer eigenen bettenführenden Fachabteilung weiter.“

Mit den symptoX-Boxen im Regelbetrieb prüft das Heidekreis-Klinikum, wie sich die Wartezeit in der Notaufnahme sinnvoll nutzen lässt. Ob sich die erhofften Effekte auf Abläufe und Zeitgewinn einstellen, will das Haus im klinischen Alltag evaluieren.

Quelle: Heidekreis-Klinikum gGmbH

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