Der 25. Europäische Gesundheitskongress München stand unter dem Motto „Den Mutigen gehört die Zukunft!“. Kardinal Reinhard Marx eröffnete die Veranstaltung mit einem Appell zu Solidarität und gemeinsamer Verantwortung. Rund 1.000 Teilnehmende vor Ort und etwa 600 in den Online-Sessions diskutierten über die Frage, wie sich das Gesundheitswesen trotz wachsender finanzieller Belastungen zukunftsfähig gestalten lässt. Im Mittelpunkt standen die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung, der Umgang mit Leistungen und die Chancen der Gesundheitswirtschaft.
Solidarität und Vertrauen in die Politik
Marx warnte, dass wachsende Zukunftsängste und schwindendes Vertrauen in die Politik auch die Demokratie gefährden können, und mahnte, die Herausforderungen nicht allein auf Finanzierungsfragen zu reduzieren. Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach nahm die Politik in die Pflicht: Mut bedeute, unbequeme Entscheidungen zu treffen, Widerstände auszuhalten und über Wahlperioden hinauszudenken. Mit Blick auf Prävention und langfristige Reformen räumte sie ein, dass Ergebnisse politischen Handelns nicht immer den Verantwortlichen selbst zugutekommen.
„Wir können die Demokratie nicht ohne den Sozialstaat retten.“ Mit diesem Appell eröffnete Kardinal Reinhard Marx den Kongress. „Wir brauchen einander“, betonte er.
Zwischen Sparzwang und Strukturreform
DAK-Chef Andreas Storm forderte eine neue konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, da Krankenkassen und Ärzteschaft derzeit über Geld und Leistungen streiten. CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek unterstützte den Vorstoß und sprach sich dafür aus, Reformen so zu vermitteln, dass Menschen erkennen, welche Verbesserungen sie bringen.
In der Debatte über den GKV-Leistungskatalog plädierte der Intensivmediziner Prof. Christian Karagiannidis dafür, zwischen wirksamen und wenig nützlichen Behandlungen zu unterscheiden. Der Schweizer Gesundheitsökonom Prof. Stefan Felder hielt dagegen, dass der Abbau unnötiger Leistungen das Finanzierungsproblem allein kaum löse; er sprach sich dafür aus, offen über Rationierung zu reden. Christina Ruckert von der AOK Bayern widersprach: Vor Leistungsbegrenzungen müssten bessere Steuerung und Versorgung ausgeschöpft werden.
Gesundheitswirtschaft: Tempo und Experimentierfreude
Mit Blick auf die Gesundheitswirtschaft warnte BfArM-Präsident Prof. Karl Broich, Deutschland drohe im internationalen Innovationswettbewerb zurückzufallen. Der Wirtschaftsjournalist Frank Sieren beschrieb einen unterschiedlichen Umgang mit Innovation: Chinesische Innovatoren antworteten auf die Frage, ob ihre Ideen funktionierten, häufig, man wisse es nicht und probiere es deshalb aus. Diese Experimentierfreude fehle in Deutschland vielerorts.
„Tempo und Skalierbarkeit sind uns in Deutschland und Europa abhandengekommen“, warnte Prof. Karl Broich, Präsident des BfArM.
Lehren aus Estland, Dänemark und Bahrain
Die Beiträge aus dem Ausland machten deutlich, dass erfolgreiche Reformen mehr brauchen als neue Gesetze. Pille Banhard von der estnischen Krankenkasse Tervisekassa betonte die Bedeutung eines klaren Reformziels, das alle Beteiligten mittragen. Einzelne Schritte dürften auf dem Weg angepasst werden, solange die Richtung stimme. Birgitte Drewes von der dänischen Behörde für Patientensicherheit rückte das Vertrauen der Bevölkerung in den Mittelpunkt und warnte zugleich vor zu vielen politischen Eingriffen. Shaikha Salah Al-Ahmed vom Obersten Gesundheitsrat Bahrains berichtete, wie ihr Land Finanzierung und Zuständigkeiten neu geordnet hat, und betonte die Bereitschaft der politischen Führung, Verantwortung für ein offenes Ergebnis zu übernehmen.
Der Kongress zeigte, dass die Debatte über das Gesundheitswesen zunehmend von der Frage nach Mut und Vertrauen geprägt ist: Wer Reformen gestalten will, braucht klare Ziele, Geduld bei der Umsetzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Der nächste Europäische Gesundheitskongress München findet am 21. und 22. Oktober 2027 statt.
Quelle: WISO S. E. Consulting GmbH





