Berlin. Mit einer berlinweiten Kampagne und einer Petition an das Abgeordnetenhaus von Berlin macht die Johannesstift Diakonie (JSD) auf strukturelle Ungleichheiten in der Krankenhausfinanzierung aufmerksam. Der freigemeinnützige Träger, der in der Hauptstadt acht Krankenhäuser betreibt, fordert transparente und einheitliche Rahmenbedingungen für alle Kliniken – unabhängig von ihrer Trägerschaft. Die Kampagne startet am 1. September 2026 und richtet sich ausdrücklich nicht an eine akute wirtschaftliche Notlage, sondern an die politischen Weichenstellungen der kommenden Monate.
Wirtschaftlich stabil und dennoch alarmiert
Die Johannesstift Diakonie betont ausdrücklich: Ihre Häuser arbeiten derzeit kostendeckend. Die Kampagne ist kein Hilferuf in einer Krise, sondern ein vorausschauendes politisches Signal. Mit acht Berliner Krankenhäusern, elf ambulanten Versorgungsangeboten und rund 6.760 Beschäftigten in der Hauptstadt gehört die JSD zu den tragenden Säulen der Berliner Gesundheitsversorgung. Jährlich werden dort rund 300.000 Patientinnen und Patienten behandelt, darunter 80.900 Notfälle. Jedes zehnte Baby in Berlin kommt in einer Einrichtung der JSD zur Welt.
Milliardenschwere Schieflage bei der Finanzierung
Im Kern der Kampagne steht ein konkreter Vorwurf: Landeseigene Krankenhausbetriebe haben seit 2019 mehr als eine Milliarde Euro an zusätzlichen öffentlichen Mitteln erhalten – für Verlustausgleiche und Eigenkapitalzuführungen. Freigemeinnützige Träger wie die JSD haben keinen Zugang zu vergleichbaren Hilfen. Gleichzeitig deckt die staatliche Investitionsförderung den tatsächlichen Bedarf nicht ab. Die JSD finanziert deshalb rund die Hälfte ihrer jährlichen Investitionen – derzeit etwa 12 Millionen Euro – aus eigenen Mitteln. Mit den zusätzlichen Anforderungen der Krankenhausreform dürfte dieser Druck weiter steigen.
„Wir arbeiten heute noch kostendeckend – und genau deshalb melden wir uns jetzt zu Wort. Wir kämpfen nicht ums Überleben, wir kämpfen für die Zukunft. Die Entscheidungen, die rund um die Abgeordnetenhauswahl und die Krankenhausreform getroffen werden, prägen die Berliner Gesundheitsversorgung über viele Jahre. Wer gute Versorgung dauerhaft sichern will, muss jetzt faire Bedingungen für alle Krankenhäuser schaffen – unabhängig davon, wem sie gehören.“
Andreas Mörsberger, Vorstandssprecher der Johannesstift Diakonie
Vier politische Forderungen
Die JSD verbindet ihre Kampagne mit vier konkreten Forderungen an die Politik:
- Gleiche Regeln für alle Krankenhäuser: Öffentliche Unterstützung muss nach transparenten und einheitlichen Kriterien vergeben werden – unabhängig von der Trägerschaft.
- Entscheidungen nach Versorgungsbedarf: Qualität, medizinischer Bedarf und Leistungsfähigkeit müssen im Mittelpunkt der Krankenhausplanung stehen.
- Verlässliche Finanzierung von Investitionen: Krankenhäuser benötigen ausreichende Mittel für Gebäude, Medizintechnik, Modernisierung und die Umsetzung der Krankenhausreform.
- Eine Reform, die stärkt statt schwächt: Die Krankenhausreform darf nicht gerade die Häuser unter Druck setzen, die heute einen wesentlichen Teil der Versorgung sicherstellen.
Die zentrale Botschaft lautet: „Entscheidend darf nicht sein, wem ein Krankenhaus gehört. Entscheidend muss sein, was es für die Versorgung der Menschen leistet.“
„Wir stellen die Krankenhausreform und ihre Ziele nicht infrage. Behandlungen sollen dort stattfinden, wo die notwendige Erfahrung, Qualität und Ausstattung vorhanden sind. Was wir infrage stellen, sind die ungleichen finanziellen Bedingungen, unter denen Krankenhäuser diese Veränderungen bewältigen müssen. Wenn öffentliche Mittel einseitig verteilt werden, entsteht eine Schieflage, die langfristig die Versorgung der Menschen treffen kann.“
Andreas Mörsberger
Kampagnenmotive mit echten Mitarbeitenden
Sichtbar wird die Kampagne über Großflächen und Plakatflächen in der gesamten Stadt, über digitale Kanäle und soziale Medien, auf Fahrzeugen der JSD sowie über Informationsmedien in den Einrichtungen. Die vier Kampagnenmotive zeigen keine Models, sondern echte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – stellvertretend für die vielen Menschen, die täglich die medizinische und pflegerische Versorgung in Berlin sichern.
Herzstück der Kampagne ist eine Landingpage mit Hintergrundinformationen, den politischen Forderungen und der Möglichkeit, die Petition an das Abgeordnetenhaus direkt zu unterzeichnen.
Das „Noch!“ als Warnsignal
Der Kampagnenslogan „Jetzt reicht’s. Noch!“ ist bewusst zugespitzt formuliert. Das angehängte „Noch!“ ist weder eine Drohung noch die Ankündigung von Standortschließungen. Es steht als Warnsignal: Gute Krankenhausversorgung ist keine Selbstverständlichkeit – sie braucht dauerhaft tragfähige Rahmenbedingungen. Die Kampagnenbotschaft lautet: „Wir sind da, wo Sie uns brauchen. Für Sie. Für alle. Noch.“ Das erklärte Ziel der JSD ist, aus diesem „Noch“ ein „Auch in Zukunft“ zu machen.
Die Kampagne endet nicht mit der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September 2026. Die JSD kündigt an, den politischen Dialog auch nach dem Wahltermin fortzuführen – parallel zur öffentlichen Kampagne und mit Blick auf die anschließende Senatsbildung sowie die weiteren Entscheidungen zur Krankenhausplanung, zur Vergabe von Versorgungsaufträgen und zum Einsatz öffentlicher Mittel. Als Komplexträger, der neben Krankenhäusern auch in der Alten- und Jugendhilfe, in der Eingliederungshilfe und in der Bildung tätig ist, wären die Folgen einer strukturellen Schwächung der Kliniken für die JSD weitreichend.
Quelle: Johannesstift Diakonie gAG





