ESG-Kriterien und Berichterstattung in der Gesundheitswirtschaft
Trotz der durch die EU-Omnibus-Verordnung ermöglichten Fristverlängerung bleiben viele Unternehmen der Gesundheitswirtschaft verpflichtet, künftig nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) zu berichten. Die verschobene Berichtspflicht ist kein Grund zum Abwarten – sie bietet vielmehr die Chance, Controllingsysteme zur Erhebung und Auswertung quantitativer ESG-Daten aufzubauen. Denn wenn es ernst wird, müssen belastbare, systematisch erhobene Daten vorliegen. Neben demografischem Wandel, Fachkräftemangel und Digitalisierungsdruck rückt die Verantwortung für Nachhaltigkeit immer stärker in den Fokus der Gesundheitswirtschaft. ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) sowie die verpflichtende Berichterstattung gewinnen an Bedeutung – für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, MedTech-Unternehmen und Krankenkassen gleichermaßen.
ESG-Kriterien als Steuerungsinstrument
Die ESG-Kriterien bieten einen strukturierten Rahmen, um Nachhaltigkeit messbar zu machen:
- Environment (Umwelt): Energieeffizienz, CO₂-Emissionen, Abfallmanagement
- Social (Soziales): Arbeitsbedingungen, Diversität, Patientensicherheit
- Governance (Unternehmensführung): Transparenz, Compliance, Risikomanagement
Beispielsweise kann ein Krankenhaus seine CO₂-Bilanz messen (E), die Zufriedenheit des Pflegepersonals analysieren (S) und die Einhaltung von Compliance-Richtlinien überprüfen (G). So wird Nachhaltigkeit steuerungsrelevant.
Von der Selbstverpflichtung zur Berichtspflicht
Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und den ESRS wurde ein neuer Berichtsstandard eingeführt, der viele Unternehmen in die Pflicht nimmt – insbesondere solche mit über 1.000 Mitarbeitenden sowie einem Umsatz über 50 Mio. € oder einer Bilanzsumme über 25 Mio. Euro.
Auch kleinere Unternehmen spüren den Druck – etwa durch Banken oder Investoren. Der freiwillige VSME-Standard bietet ihnen eine strukturierte Möglichkeit, ESG-Themen intern wie extern nachvollziehbar zu machen. Berichte enthalten sowohl qualitative als auch quantitative Daten, die in die Unternehmenssteuerung einfließen.
Datenmanagement als Grundlage
Nachhaltigkeitscontrolling erfordert geeignete ESG-Kennzahlen, die auf Basis der ESRS identifiziert und in bestehende Systeme integriert werden müssen. Besonders in der Gesundheitswirtschaft mit ihren historisch gewachsenen IT-Strukturen ist das anspruchsvoll.
- Voraussetzungen für wirksames ESG-Controlling:
- Einheitliche Datenstandards
- Schnittstellen zu operativen Systemen (z. B. Energiemanagement)
- Klare Zuständigkeiten für ESG-Daten
- Systematische Aufbereitung zur internen Steuerung und externen Berichterstattung
Eine besondere Herausforderung ist die Erhebung von Scope-3-Emissionen, also indirekten Emissionen entlang der Lieferkette. Gerade Krankenhäuser mit vielen Zulieferern stehen vor der Aufgabe, verlässliche Datenquellen und standardisierte Abfragen zu etablieren.
ESG als Teil der Unternehmensstrategie
- Nachhaltigkeit muss strategisch verankert sein – etwa durch ESG-Ziele in der Balanced Scorecard. Beispiele:
- Investitionen in Energieeffizienz
- Auswahl nachhaltiger Lieferanten
- Boni für Führungskräfte bei Erreichen von ESG-Zielen
Ein Klinikkonzern koppelt etwa das Bonusmodell leitender Ärzte an Ziele wie die Reduktion von Einwegplastik im OP oder die Einhaltung von Arbeitszeitvorgaben.
Kommunikation und Transparenz
Nachhaltigkeitsberichte sind nicht nur regulatorische Pflicht, sondern zentrales Instrument der Stakeholder-Kommunikation. Sie stärken Vertrauen und Reputation. Erfolgsfaktoren:
- Zielgruppengerechte Aufbereitung (z. B. Executive Summary, Infografiken)
- Verknüpfung mit dem Lagebericht
- Externe Prüfung zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit
- Digitale Formate für größere Reichweite
Nachhaltigkeit in Beschaffung und Lieferkette
Ein bedeutender Hebel liegt in der ESG-orientierten Beschaffung. Große Mengen an Materialien, Medikamenten und Dienstleistungen eröffnen Potenzial für nachhaltige Steuerung. Maßnahmen:
- ESG-basierte Lieferantenauswahl
- Prüfung auf Umweltstandards
- Lebenszyklusanalysen von Produkten
- Nachhaltigkeitskriterien in Ausschreibungen
Auch hier gilt: Nur was gemessen wird, kann gesteuert werden. ESG-Kennzahlen sollten in das zentrale Controlling eingebettet werden.
Fazit: ESG als Zukunftsaufgabe
Die ESG-Berichterstattung stellt die Gesundheitswirtschaft vor Herausforderungen – aber auch vor Chancen. Wer frühzeitig in Datenstrukturen, klare KPIs und strategische Zielsysteme investiert, erfüllt nicht nur regulatorische Anforderungen, sondern stärkt langfristig die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Nachhaltigkeit wird so zum integralen Bestandteil unternehmerischer Steuerung – von der Pflicht zur Kür.
Autoren:
Robert Martinetz, Berater, Curacon GmbH, robert.martinetz@curacon.de
Dr. Sinja Küppers, Junior Beraterin, Curacon GmbH, sinja.kueppers@curacon.de
Eine ausführliche Version des Artikels finden Sie in der Juli-Ausgabe der KU Gesundheitsmanagement.
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