Abrechnung und Erlöse

»

Wenn KI wächst, sind klare Regeln unerlässlich

rzt im Kittel markiert digital eine medizinische Checkliste mit einem Häkchen

Wenn KI wächst, sind klare Regeln unerlässlich

4 MIN

Warum Governance zu einer Voraussetzung für skalierbare KI im Gesundheitswesen wird

Skalierbare KI im Gesundheitswesen setzt klare Governance-Strukturen voraus, denn technische Leistung allein reicht nicht aus, um KI-Systeme langfristig sicher und nachvollziehbar im klinischen Alltag zu betreiben.

Künstliche Intelligenz hat längst Einzug in das Gesundheitswesen gehalten. Erste Anwendungen unterstützen bereits im Alltag Dokumentations- und Entscheidungsprozesse und zeigen messbare Effekte in verschiedenen Bereichen der Pflege. Viele Organisationen stehen nun vor der nächsten Entwicklungsstufe. KI-Systeme sollen nicht nur in einzelnen Bereichen funktionieren, sondern standortübergreifend und dauerhaft eingesetzt werden. Genau hier ändern sich die Anforderungen grundlegend.

Mit ihrer zunehmenden Verbreitung verändert sich auch die Sichtweise auf KI. Sie wird nicht mehr als isolierte Innovation wahrgenommen, sondern zunehmend als Teil der digitalen Infrastruktur verstanden. Der Fokus liegt nicht mehr ausschließlich auf der Modellleistung. Entscheidend ist, ob KI-Systeme über viele Jahre hinweg in realen klinischen Umgebungen zugelassen, getestet und sicher betrieben werden können. Governance wird somit zur Voraussetzung für einen zuverlässigen Betrieb – und damit für Skalierbarkeit.

„In der Anfangsphase steht die Leistung im Vordergrund. Sobald das System den regulären Betrieb aufnimmt, treten andere Aspekte in den Vordergrund“, erklärt Florian Schwiecker von Frontier AI LAN für das Gesundheitswesen Corti. „Unternehmen müssen verstehen können, wie KI-Systeme trainiert, versioniert und eingeführt wurden – und wie sie nach ihrer Einführung in klinischen Arbeitsabläufen überwacht werden. Gleichzeitig müssen die Ergebnisse für Kliniker, Auditoren und Aufsichtsbehörden nachvollziehbar sein.“

Vom Pilotprojekt zur nachhaltigen Nutzung

Viele KI-Projekte zeigen in der Pilotphase überzeugende Ergebnisse. Sobald jedoch der Einsatz ausgeweitet wird, entstehen zusätzliche Anforderungen. Der entscheidende Test beginnt oft dann, wenn Systeme die kontrollierte Pilotumgebung verlassen und innerhalb komplexer klinischer Arbeitsabläufe zuverlässig funktionieren müssen. Systeme, die in kontrollierten Umgebungen gut funktionieren, müssen beweisen, dass sie unter realen klinischen Bedingungen die gleiche Zuverlässigkeit aufweisen.

Dann wird es relevant, ob Trainingsdaten dokumentiert sind, Modellversionen eindeutig zugeordnet werden können und Anpassungen kontrolliert vorgenommen werden. Ebenso wichtig ist die kontinuierliche Überwachung von Leistung und Risiken. Auch ist es wichtig, mögliche Modellabweichungen frühzeitig nach der Einführung zu erkennen.

Diese Rahmenwerke bieten Leitlinien für das Management von KI-Systemen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg – vom Training und der Validierung bis hin zur Bereitstellung, Überwachung und kontrollierten Aktualisierung. Beschaffungsverfahren, Audits und operative Bewertungen untersuchen genau diese Aspekte. Unternehmen benötigen daher klare Verantwortlichkeiten und transparente Prozesse. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann der Übergang vom Pilotprojekt zum regulären Betrieb sicher erfolgen.

Skalierung erfordert organisatorische Verankerung

Der Gesundheitssektor ist reguliert und sicherheitskritisch. Sobald KI zentrale Aufgaben wie Dokumentation, Priorisierung oder Entscheidungsfindung unterstützt, gelten dieselben Standards wie für etablierte klinische IT-Anwendungen. KI-Systeme müssen überprüfbar bleiben, Verantwortlichkeiten müssen auch im Falle einer Fehlfunktion klar definiert sein und Ergebnisse müssen verständlich erklärt werden.

Ohne solche Rahmenbedingungen kommen Genehmigungsprozesse zum Stillstand, Anwendungen werden nicht für den breiten Einsatz zugelassen und bleiben auf einzelne Bereiche beschränkt. Werden hingegen Governance-Strukturen von Anfang an integriert, entsteht operative Klarheit. Risiken und Veränderungen im Betrieb können rechtzeitig erkannt und fundierte Entscheidungen getroffen werden. Dies ist die Grundlage für eine kontrollierte Skalierung.

Regulierung als Leitfaden für die Praxis

Vor diesem Hintergrund gewinnen regulatorische Rahmenbedingungen zunehmend an Bedeutung. Der EU-KI-Akt und die ISO 42001 bündeln Anforderungen, die für den Betrieb von KI als Infrastruktur notwendig sind. Dazu gehören Rückverfolgbarkeit, Risikomanagement, menschliche Aufsicht und Rechenschaftspflicht während des gesamten Lebenszyklus.

Diese Rahmenwerke bieten Orientierung. Skalierbare KI im Gesundheitswesen erfordert Systeme, die von Anfang an so konzipiert sind, dass sie steuerbar sind. Governance ist kein zusätzlicher Regelkatalog, sondern integraler Bestandteil der Entwicklung und des Betriebs. Wenn Verantwortlichkeiten klar definiert sind, Risiken kontinuierlich bewertet werden und Änderungen nachvollziehbar bleiben, entsteht Vertrauen in den Einsatz von KI. Die menschliche Aufsicht stellt sicher, dass Fachleute die Ergebnisse bewerten und gegebenenfalls korrigieren können.

Was jetzt über den Erfolg entscheidet

Mit der nächsten Stufe der KI-Entwicklung rückt eine Erkenntnis in den Vordergrund: Die technische Leistungsfähigkeit allein entscheidet nicht darüber, ob KI in Gesundheitsumgebungen skalierbar ist. Krankenhäuser und Gesundheitsorganisationen, die frühzeitig Governance integrieren, schaffen stabile Voraussetzungen für langfristige Vorteile und Investitionssicherheit.

Für Entscheider ergibt sich daraus eine klare Priorität: Tragfähige Strukturen für Verantwortlichkeiten, Nachvollziehbarkeit und kontinuierliche Überwachung müssen parallel zur Einführung neuer Anwendungen aufgebaut werden. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann Skalierung gelingen und KI ihr Potenzial im klinischen Alltag nachhaltig entfalten. Damit wird Governance zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für die weitere Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Florian Schwiecker

Autor: Florian Schwiecker, Corti, www.corti.ai

© Autorenbild: Rudi Schröder