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Hamburg, meine Perle

Karikatur von Christine Ball

Hamburg, meine Perle

Expertenstimmen

4 MIN

Der Experten-Standpunkt in der KU Gesundheitsmanagement

Der Chefsessel eines Krankenhauses ist ein Schleudersitz. Das Risiko eines Klinikchefs, vom Aufsichtsrat gefeuert zu werden, ist um über 50 Prozent höher als das eines DAX-Vorstands. Durchschnittlich alle vier Jahre wechselt die Geschäftsführung eines Krankenhauses, wie eine BDO-/DKI-Studie aus dem Oktober letzten Jahres belegt. Wohl nur ein Trainerjob im Profifußball ist als noch unsicherer anzusehen, insbesondere dann, wenn man einen Vertrag bei meinem Lieblingsverein unterschrieben hat, dem Hamburger SV. Der Verschliss in den letzten 25 Jahren sage und schreibe 30 Trainer.

Werfen wir einen Blick auf die ruhmreiche Vergangenheit dieses Vereins. Vor 100 Jahren wurde der HSV das erste Mal Deutscher Meister. Bis in die 1980er Jahre folgten national fünf weitere Meisterschaften und drei Pokalsiege. Zweimal konnte sogar der Europapokal gewonnen werden. Die Trainer hießen Klötzer, Zebec oder Happel. Sie saßen fest im Sattel und blieben jeweils mehrere Jahre. Am Ende vieler erfolgreicher Jahre kam man in Hamburg auf eine interessante Idee. Man gründete einen Aufsichtsrat. Die Aufgaben waren von Anfang an etwas unscharf definiert. So wollte Gründungsmitglied und damalige Tagesschausprecherin Dagmar Berghoff „mit den Spielerfrauen und Kindern in den Zirkus gehen“. Indiskretionen und Inkompetenzen standen auf der Tagesordnung, z.B. als der Aufsichtsrat 2008 Einspruch gegen die Verpflichtung von Coach Jürgen Klopp einlegte, der stattdessen zu Borussia Dortmund wechselte und dort ebenso wie aktuell in Liverpool eine eindrucksvolle Erfolgsära prägte. Der Fisch stinkt vom Kopf. Über den Aufsichtsrat wurde immer wieder Unruhe in den Verein gebracht, der in der Folge nicht nur einen sportlichen Niedergang bis in die zweite Liga erlitt, sondern sich auch finanziell immer weiter von der Champions League entfernte. Sowie im Fußballgeschäft sportlicher und ökonomischer Erfolg positiv miteinander korreliert sind, verhält es sich auch im Krankenhaus zunehmend mit der medizinischen Qualität und der Wirtschaftlichkeit. Eine Einmischung des Aufsichtsrates in das operative Klinikgeschäft kann die Jahresergebnisse negativ beeinflussen, wie eine andere BDO-/DKI-Studie bereits 2017 nachwies.

Das Zauberwort lautet Corporate Governance, neudeutsch für die Ausgestaltung der Führung und Überwachung von Unternehmen. Einen Handlungsrahmen für Krankenhäuser stellt der Deutsche Corporate Governance Kodex dar, in dem geregelt ist, dass die Geschäftsführung für die eigenverantwortliche Leitung sowie die strategische Ausrichtung zuständig ist und das Aufsichtsgremium die Beratung und Überwachung der Geschäftsführung verantwortet. Eine Good Governance ist von ähnlichen Werten geprägt, die man in meiner Heimatstadt Hamburg bereits seit 1517 dem ehrbaren Kaufmann zuschreibt, einem Leitbild für verantwortliches Handeln in der Wirtschaft, zu dem Tugenden wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Transparenz und Kontinuität zählen. A propos Kontinuität. Je länger Geschäftsführer und Kontrolleure vertrauensvoll zusammenarbeiten, desto größer ist in der Regel der Erfolg – und umgekehrt. Im Gesundheitswesen wie im Fußball.

Und was tun, wenn es partout nicht laufen will? Im Fußball setzt man häufig auf Feuerwehrleute. Auf Interimstrainer, die einen Verein aus schier auswegloser Situation vor dem Abstieg retten. Beim HSV war Bruno Labbadia so ein Mann. Und auch im Krankenhaus setzt man verstärkt auf Sanierungsprofis, wie ich in meinem Fachbeitrag „Managementvertrag statt Geschäftsführervertrag“ in dieser Ausgabe der KU Gesundheitsmanagement beschreibe. Wird – am besten langfristig – ein Management- oder Geschäftsbesorgungsvertrag abgeschlossen, wird dem Träger ein externes „Trainerteam“ zur Verfügung gestellt. So wie der Trainer heutzutage nicht mehr als Einzelkämpfer antritt, sondern einen ganzen Stab an Taktik-, Technik- und Mentalcoaches mitbringt, greift auch der Geschäftsführer auf Experten für bestimmte Themen wie die Budgetverhandlung, das Medizincontrolling und das OP-Management zurück. Ein Erfolgsmodell für die Zukunft. In diesem Sinne: Nur der HSV.

Autor: Dr. Nicolas Krämer, Vorstandsvorsitzender der HC&S AG

erschienen in KU Gesundheitsmanagement 4/2022

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